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Dr. Friedrich Cerha im Interview mit Rudolf Illavsky
„Cerha – der Dirigent“
14. August 2006, Maria Langegg
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Rudolf Illavsky:
Auf
welcher Basis hat sich Deine Dirigententätigkeit entwickelt? Du hast
laut offizieller Biographie nicht die Kapellmeisterklasse besucht,
wurdest ausgebildet als Komponist und als Geiger. Dennoch steht im
Lebenslauf, dass Du Dich ab 1960 "zunehmend im Dirigieren
profiliertest". War das also "Learning by doing"?
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Friedrich Cerha:
Ich
habe als Geiger viel in Orchestern gespielt, auch substituiert in der
Oper und sehr verschiedene Dirigenten erlebt, ich hatte auch gute
Kontakte zu Swarovsky, der damals die Dirigentenklasse geleitet hat.
Mangels weiterer musikalischer Erwerbsmöglichkeiten musste ich außerdem
10 Jahre an Gymnasien in Wien unterrichten und hab dort auch
Schulorchester aufgebaut und die natürlich auch bei Konzerten dirigiert.
Dr. Zwölfer hat dann das Musische Gymnasium in der Wasagasse ins Leben
gerufen. Ein Großteil der Studenten hat dort später neben dem Gymnasium
die Musikakademie besucht und ich konnte daher ein recht gutes Orchester
aufbauen. Das hab ich auch immer wieder - im Mozart-Saal und im großen
Musikvereinssaal - dirigiert, wobei auch die Lehrkräfte des Gymnasiums
im Orchester mitgewirkt haben.
Ja,
und dann kam es zur Gründung der „reihe“ und es war eigentlich außer
Schwertsik und mir niemand da, der die Literatur wirklich kannte, und so
waren wir sozusagen gezwungen die Einstudierung selbst in die Hand zu
nehmen und zu dirigieren.
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Rudolf Illavsky:
Wie
streng bist Du als Dirigent bei der Interpretation eigener Werke? Manche
Komponisten scheinen beim Dirigieren eigener Kompositionen recht
"großzügig" gewesen zu sein. Das wird z.B. über Richard Strauss
berichtet.
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Friedrich Cerha:
Ja
das hängt bei Richard Strauss u.a. auch damit zusammen, dass zumeist,
wenn einem Instrument etwas missglückt oder etwas nicht da ist, der Satz
noch immer vollkommen klingt und man kleine Mängel also musikalisch eher
verschmerzen kann. In neuerer Literatur – etwa bei Webern - ist das oft
nicht so; da muss, um ein vollständiges Klangbild zu erzielen, jedes
Instrument absolut korrekt da sein und es muss auch die dynamische
Balance wirklich genau stimmen.
Ich
habe ja neben der „reihe“ schon bald – ein holländischer Manager hat ein
„reihe“ Konzert besucht und hat mich sofort engagiert - in den 60er
Jahren sehr viel in Holland dirigiert, und dann auch schon Paris und,
ich glaube '61 war das, an der deutschen Oper zur Eröffnung in Berlin
einen Ballettabend, gleichzeitig habe ich bei RIAS sehr viel an neuer
Musik, unter anderem auch eigene Werke, dirigiert, so hab ich mir da
einen guten Ruf als Dirigent erworben. Neben neuer Musik hab ich
übrigens eher durch Zufall in Holland wiederholt auch Haydn dirigiert,
die frühen Symphonien sind mir ja bis zum heutigen Tag ans Herz
gewachsen - und ich galt dann so Ende der 60er Jahre in Holland als
Haydn-Spezialist und wurde immer wieder für diesbezügliche Aufgaben
geholt.
Ich gelte allgemein als streng und irgendwie unversöhnlich korrekt bei
den Werken die ich am meisten schätze, vor allem also bei
Webern-Interpretationen, wo ich’s mir einmal gründlich mit dem
holländischen Kammerorchester verscherzt habe, weil ich nicht und nicht
zufrieden war. Ich bin also, was Webern-Interpretation anlangt, überaus
anspruchsvoll.
Bei
den eigenen Sachen versuche ich natürlich auch, das herauszuholen, was
ich mir klanglich vorgestellt habe. Ich hab ja immer beim Dirigieren die
Schwierigkeit gehabt, dass ich eine Idealvorstellung gehört hab, die
natürlich bei der Trägheit des großen Orchesterapparats in der Realität
ja nie 100-prozentig zustande kommt und wenn ich also nur 80 oder 70
Prozent meiner Vorstellungen erreicht hab, hat mich das mitunter
deprimiert.
Aber ich habe umgekehrt in den letzten 10 Jahren wiederholt erlebt, dass
ich, wenn andere Dirigenten meine Werke dirigiert haben, schon zufrieden
war und die Dirigenten noch nicht. Das ist mir z.B. bei einer
Produktionsaufnahme meines „Monumentum“ mit Dennis Russel Davies so
gegangen, der, wo ich eigentlich schon voll zufrieden war, noch zwei Mal
Stellen aus dem Stück wiederholt hat.
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Rudolf Illavsky:
Ist
es Dir lieber, oder erscheint es Dir sicherer, eigene Werke selbst zu
dirigieren, oder hast Du keine Probleme damit, Deine Stücke anderen
"anzuvertrauen"?
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Friedrich Cerha:
Ich
hab lange Zeit eigene Arbeiten, vor allem solche, die proportionale
Notation verwenden und bei Orchestern die relativ wenig Routine im Lesen
Neuer Musik haben, selber dirigiert, weil ich misstrauisch war, dass
andere das meinen Wünschen entsprechend zustande bringen. Mittlerweile
hat ja eine Vielzahl von Dirigenten - auch von jüngeren Dirigenten -
sehr viel Erfahrung mit Neuer Musik. Es ist nicht so wie Ende der 50er
oder Anfang der 60er Jahre, wo es nur wenige Spezialisten für Neue Musik
gab, und ich hab daher in den letzten Jahren durchaus gute Erfahrungen
mit anderen Dirigenten gemacht. Mit de Billy z.B. beim Violinkonzert,
der, obwohl wenig Probenzeit vorhanden war, in den letzten Proben alles
noch sehr geschickt und sehr konzentriert „zusammengerissen“ hat, und
bei der Uraufführung meines Saxophonkonzertes in Kopenhagen hat Nali
Gruber, dem ich ja am Anfang als Dirigent ein bisschen skeptisch
gegenüberstand, die Sache sehr gut gemacht. Er hat in den letzten Jahren
sehr viel dirigiert und viel dirigentische Erfahrung gewonnen, und auch
vielleicht mehr Anspruch in seiner Interpretation entwickelt, als das
anfangs der Fall war.
Jetzt bei der Eröffnung der Bregenzer Festspiele (Sommer 2006, Anmerkung
R. Illavský) hat Sylvain Cambreling mit dem SWR Orchester die „Spiegel“
wirklich sehr gut gemacht. Eine enorm große und schwierige Aufgabe, aber
die Aufführung ist sehr gut geworden, obwohl natürlich bei den
„Spiegeln“ immer kleine Wünsche offen bleiben.
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Rudolf Illavsky:
Du
hast jetzt viele Dirigenten erwähnt mit denen Du sehr gut
zusammengearbeitet hast, die Deine Werke gut interpretiert haben; wie
muss für Dich ein Dirigent sein, dem Du Deine Stücke anvertraust?
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Friedrich Cerha:
Er
muss einfach die Qualitäten haben, die jeder gute Dirigent haben sollte:
Einerseits sehr gut vorbereitet sein, das Werk kennen und eine
klangliche Vorstellung vom Werk haben und dann entsprechend arbeiten.
Ich galt ja immer wieder als ein ins Detail verliebter anspruchsvoller
Dirigent und ich muss gestehen, dass ich mich, was die zeitliche
Probendisposition betrifft, mitunter etwas verrannt habe. Ich habe den
Dohnanyi beim Einstudieren des „Baal“ sehr bewundert. Als die Probenzeit
eng geworden ist und alles sehr gedrängt war, hat er durchgespielt und
einfach die fünf Stellen registriert, wo noch am meisten zu verbessern
war. Die hat er herausgegriffen und er hat diese wirklich elementaren
Dinge mit einer souveränen zeitlichen Disposition erarbeitet, etwas, was
mir mitunter gefehlt hat.
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Rudolf Illavsky:
Du
hast zuerst angedeutet, dass Du in Holland, wie Du Webern dirigiert
hast, Dir vielleicht nicht nur Freunde gemacht hast im Orchester: Welche
Freiheiten gibst Du dem Musiker in Deinem Ensemble? In welchem Maß musst
Du aber wieder "eingreifen"?
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Friedrich Cerha:
Das
richtet sich nach der Struktur des Werkes, das man studiert. An sich bin
ich eigentlich immer aufgeschlossen und glücklich, wenn sich die
Individualität des Musikers in der Interpretation, in der
Phrasendarstellung, im Espressivo zeigt; wenn da Musikalisches, dem Werk
Adäquates kommt, bin ich also durchaus sehr froh und begrüße das.
Natürlich gibt es auch Werke, wo gewisse instrumentale Gewohnheiten im
Orchester unangebracht sind und wo man sozusagen einige der Freiheiten
des Musikers beschneiden muss, was ich aber immer nur vorsichtig und
ungern getan hab.
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Rudolf Illavsky:
Du
hast im Laufe des Gespräches über Probenzeit gesprochen. Probst Du gerne
lange und intensiv, oder lässt Du auch manches erst in der positiven
Spannung einer Aufführung entstehen?
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Friedrich Cerha:
Ich
denke, dass die Probenarbeit doch enorm wesentlich ist, denn es kann
sich bei der Aufführung dann aus der spontanen Situation nur wirklich
etwas Sinnvolles ergeben, wenn die Basisstruktur des Werkes erarbeitet
ist, sonst kommt es auch trotz aller Spannung und Spontaneität sehr
leicht zu ungenügenden Resultaten und zu Verzerrungen.
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Rudolf Illavsky:
Du
dirigierst vor allem Musik der Gegenwart. Wie unterscheidet sich Deine
Arbeit von der jener Kollegen, die traditionelles Repertoire dirigieren?
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Friedrich Cerha:
Ich
glaube, dass da im Prinzip kein allzu großer Unterschied besteht. Man
muss ein Werk gut kennen, man muss im Stande sein dem Orchester
zuzuhören und abzuwägen, wo noch Dinge zu korrigieren sind und
eigentlich sind das Aufgaben die genauso für einen Schubert gelten wie
für einen Webern oder für einen Boulez.
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Gertraud Cerha:
Nur
dass die Orchester Schubert kennen, und Webern schon viel schlechter und
Boulez wahrscheinlich am schlechtesten. Das Studium erfordert dann eben
auch sehr viel mehr Zeit.
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Rudolf Illavsky:
Wie
entwickelt sich bei Dir die Vorstellung von einem neuen Werk, das Du
dirigieren musst? Wie gehst Du an dieses Werk heran? Hörst Du Dir
eventuell auch Aufnahmen an, oder studierst Du nur die Partitur?
Befasst Du Dich auch bei den Komponisten mit der Lebensgeschichte?
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Friedrich Cerha:
Ja,
Ich versuche mich natürlich über die Entstehungsgeschichte, über die
Komponisten zu orientieren, aber das Wesentliche ist das Studium der
Partitur. Wenn ich alte Literatur dirigiert habe, Schubert oder
Mendelssohn oder Brahms, dann habe ich mich natürlich auch für die
Rezeptionsgeschichte dieser Werke interessiert, und auch bei Webern gibt
es ja schon eine, auch bei Schönberg und bei Berg. Das hat mich doch
immer sehr beschäftigt. Vor allem bei Webern, weil ich Webern schon in
den 50er Jahren sehr viel studiert habe, auch zusammen mit Josef
Polnauer, der noch aus dem Schönberg Kreis stammte. Er war später bei
allen Proben mit der „reihe“ die ich für Werke von Schönberg, Berg und
Webern gemacht habe anwesend, und hat mir sehr viele aufschlussreiche
Dinge, Anregungen geliefert, weil er sich an Proben von den
Uraufführungen dieser Werke im Schönberg Kreis erinnert hat. Und dann
war ich Ende der 50er Jahre in Darmstadt - auch einige Male mit
Schwertsik - und hab dort Webern Aufführungen erlebt, mit denen ich
überhaupt nicht einverstanden war. Man hat in Darmstadt Webern als eine
Art Vater der seriellen Musik gesehen - mit einem gewissen Recht - aber
die musikalische Vorstellung Ende der 50er Jahre war die einer
punktuellen Musik, und man hat Webern auf ein derartiges punktuelles
Klanggeschehen hingetrimmt, hat die Phrasendarstellung kaum, und vor
allem die unendlich vielen Ritardandi bei Webern, die in der sinnvollen
Artikulation so wichtig sind, so gut wie nicht gemacht und das war für
mich eine Verzerrung des Bilds von ihm. Ein schönes, großes
Webernerlebnis war für mich das Konzert zum 10. Todestag 1955, wo ich
alle Geigenparte der Ensemblestücke gespielt habe und das Gielen
dirigiert hat; dass waren schöne Aufführungen. Ich habe dann mit der
„reihe“ versucht, auch die originalen Tempi Weberns zu machen. In
Darmstadt hat man die Tempi überzogen, wodurch u.a. eben dieses
punktuelle Klangbild entstanden ist. In den 80er, 90er Jahren habe ich
dann eine gewisse Genugtuung erlebt, dass mein Webernbild sich allgemein
durchgesetzt hat; Boulez dirigiert heute einen musikalisch sehr
sinnvollen und sehr schönen Webern, im Gegensatz zum Webern Ende der
50er Jahre.
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Rudolf Illavsky:
Peter Eötvös meint, es gibt “keine dirigentische Technik, es gibt nur die Überzeugungskraft, und die hat
man oder man hat sie eben nicht. Du kannst dich hinstellen und nur die
Augen oder den Kopf bewegen, und das Orchester beginnt zu spielen, wenn
du das überzeugend machst. Es geht um ein Grundverhalten.“ Teilst Du
diese Meinung?
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Friedrich Cerha:
Ich
teile sie nur, wenn ein Dirigent ein hohes Ausmaß an Erfahrung im Umgang
mit dem Orchester gewonnen hat. Ich glaube für die ersten 10 Jahre in
der Laufbahn eines Dirigenten gilt das also nur sehr beschränkt. Ich
erinnere mich an die späten Dirigate von Böhm, oder von Mitropolus, der
auch mit einer äußersten Sparsamkeit Dinge angezeigt hat, oder ich habe
noch Richard Strauss als Dirigenten erlebt, der so gut wie nichts
gezeigt, sondern immer nur geschlagen hat; wenn er etwas hervorgehoben
haben wollte, hat er einfach den Instrumentalisten angeschaut und das
hat eigentlich erstaunlich funktioniert. Strauss hat jede theatralische
große Geste vermieden, hat gerne sitzend dirigiert - auch im Konzert -
und wenn er dann an einer Stelle aufgestanden ist, ist das Orchester
aufgegangen wie kaum bei einem anderen Dirigenten.
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Rudolf Illavsky:
Deine persönliche Dirigiersprache, hat die sich im Laufe der Jahre
verändert?
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Friedrich Cerha:
Die
hat sich insofern verändert als ich vor allem beim Dirigieren
traditioneller Musik sehr viel sparsamer geworden bin; wenn eine
Aufführung - ein Stück gut geprobt war, habe ich dann bei der Aufführung
versucht das Orchester einfach spielen zu lassen, und nur wo ich etwas
hervorgehoben haben wollte, habe ich eingegriffen. Das hab ich natürlich
in den ersten Jahren meiner dirigentischen Tätigkeiten nicht getan. Was
ich als Dirigent nicht geschätzt habe waren Orchester, die gewohnt sind,
dass der Dirigent in einem hohen Ausmaß vorschlägt; damit hab ich mich
immer schwer getan, weil es dann schwierig ist, während einer Aufführung
rhythmisch zu koordinieren. Als ich an der deutschen Oper 1960/61, knapp
zwei Jahre tätig war, hat mich Seefehlner - damals Direktor - gefragt,
ob ich für das Repertoire ans Haus kommen will. Dieses Orchester war
damals daran gewöhnt, dass ziemlich viel vorgeschlagen wurde. Ich habe
mir da zwei Vorstellungen angesehen, eine Butterfly und ich glaube eine
Tosca, hab aber dann abgewunken: das hab ich mir nicht angetan und war
später sehr glücklich darüber.
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Gertraud Cerha:
Die
amerikanischen Orchester sind ja an das Vorschlagen viel mehr gewöhnt
als die europäischen.
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Friedrich Cerha:
Dort hab ich mich auch ein bisschen schwer getan, zuletzt in Cleveland,
wo ich Haydn Cellokonzert dirigiert habe; da hab ich in wunderbarer
Eintracht mit dem Solisten geschlagen, das Orchester hat aber von mir
erwartet, dass ich vorschlage. Das war etwas schwierig.
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Rudolf Illavsky:
Die
Frage des persönlichen Dirigierstils hat in der traditionellen Musik ein
starkes Gewicht. Du hast erwähnt, dass Du früher auch in der Oper
gespielt hast; da hast Du sicher mit anderen berühmten Dirigenten
zusammengearbeitet. Gibt es unter diesen großen Dirigenten der
Vergangenheit wie Furtwängler, Karajan oder Toscanini einige, die Dich
besonders fasziniert oder sogar beeinflusst haben?
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Friedrich Cerha:
Ich
hatte immer Schwierigkeiten mit Furtwängler. Die exzessiven Tempi, die
enormen Temporückungen - die oft extrem langsamen Tempi und dann
mitunter das Verhetzen, das ich erlebt hab. Ich hab in sehr jungen
Jahren eine IX. Beethoven gehört, wo ich einfach den Schluss nicht
verstanden hab, weil er so schnell war und das Orchester für mich nur
ein einziges Gerausche war. Unter den Dirigenten die mir Eindruck
gemacht haben waren Böhm, sicher in einzelnen Fällen - vor allem auch
wegen der überaus gründlichen Probenarbeit – Karajan; sehr geschätzt
habe ich Mitropolus: wenn er dirigiert hat war das für mich jedes Mal
ein großes Erlebnis. Ich hab aber auch ich einen Dirigenten gern gehabt,
der heute relativ wenig bekannt ist, einen Engländer; er war überaus
sachlich und sparsam und hat eine enorme Ausgewogenheit erreicht, die
man heute etwas weniger schätzt; das war Sir Adrian Boult. |
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Rudolf Illavsky:
Was
hältst Du von einem Dirigenten wie Nikolaus Harnoncourt?
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Friedrich Cerha:
Ich
schätze ihn natürlich als Musiker, aber ich hatte auch schon bei seinen
Interpretationen alter Musik gewisse Schwierigkeiten: Sein crescendo –
diminuendo auf langen Notenwerten, auch auf Schlussakkorden – vor denen
er relativ lang einhält und auch dieses crescendo - diminuendo in vielen
Phrasen; ich hab das immer die „harnoncourtschen Bäuche“ genannt. Ich
hab auch mit vielen Tempi - bei Mozart z.B. - meine Schwierigkeiten. Ich
habe nie unter ihm gespielt, also von Seiten des Musikers kann ich sein
Verhalten nicht kommentieren. Ich weiß nur von Instrumentalisten, dass
sie Anfangs bei seinen Dirigaten Schwierigkeiten hatten, aber das
scheint sich in den letzten Jahren geändert zu haben, was sicher auch
mit seiner zunehmenden dirigentischen Erfahrung zusammenhängt.
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Rudolf Illavsky:
Heinz Karl Gruber hat mir erzählt, dass er Anregungen schlagtechnischer
Natur von anderen Dirigenten bekommen hat,. Hast Du auch Anregungen
empfangen von anderen Dirigenten?
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Friedrich Cerha:
Wenn Dinge glücken, Auftakte, oder das Anreissen eines neuen Tempos,
dann schaut man sich natürlich an, wie er das gemacht hat und da hab ich
natürlich eine Vielzahl von Anregungen empfangen und aufgenommen
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Rudolf Illavsky:
Wie
müsste ein Musikleben organisiert sein, um eventuell bessere
künstlerische Resultate zu gewährleisten, oder bist du zufrieden?
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Friedrich Cerha:
Es
müsste vor allem sichergestellt sein, dass eine entsprechende
Probenarbeit möglich ist. Mit den zunehmenden ökonomischen
Schwierigkeiten im ganzen Kulturbetrieb werden auch die Proben zunehmend
weniger und die Qualität der Aufführungen leidet mitunter darunter,
wobei man aber hinzufügen muss, dass die Qualität der Orchester, und
zwar aller Orchester, in den letzten 30 Jahren enorm gewachsen ist. Die
Orchester sind heute viel besser und arbeiten auch viel schneller als
die Orchester am Beginn der 60er Jahre. Ferner müsste von Seiten der
Konzertveranstalter darauf gesehen werden, dass das ganze Spektrum der
Literatur an den Hörer herangetragen wird. Es entsteht dadurch, dass die
Hörerfahrungen des klassischen Abonnementpublikum in den
Abonnementprogrammen schon bei Richard Strauss und allenfalls noch
Strawinsky oder Bartok aufhören, eine Kluft zwischen der
Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert und dem, was gegenwärtig
produziert wird. Es müsste also darauf gesehen werden, dass eine breite
Hörerschicht die Entwicklung der Musik von 1900 bis 2000 wirklich
erfährt. Ein Beispiel diesbezüglich: Lachenmann war bei Wien Modern
ausgiebig vertreten und es gab ein junges Publikum, das hier zugestimmt
hat. Und es gab dann später ein Orchesterkonzert des SWR unter Zender in
einem Gastorchester-Abonnement Zyklus des Konzerthauses mit
traditionellem Publikum, das auf den Lachenmann überhaupt nicht gefasst
war, und es hat Zwischenrufe, es hat Buhrufe, es hat Protest, es hat
einen kleinen Skandal gegeben. Einem Publikum, das nicht Hörerfahrungen
in der Musik des 20. Jahrhunderts hat, Gegenwärtiges vorzusetzen, macht
keinen Sinn. Wir haben ja auch in der „reihe“ eben nicht nur Neue Musik
gemacht, sondern haben immer Wert darauf gelegt, dass die Entwicklungen
von 1900 bis zur jeweiligen Gegenwart in den Programmen aufscheinen.
Also wir haben in den ersten Jahren in unseren Konzerten immer wieder
Ravel und Janacek und Hindemith, Strawinsky gemacht, und wir haben auch
Werke gemacht, die in Wien völlig unbekannt waren. Einem breiteren
Publikum, ja nicht einmal Fachleuten waren Namen wie Ives oder Varese
bekannt, und eigentlich war diese sinnvolle Programmierung mit ein
Grund, warum es in Wien auch in den „reihe“ Konzerten immer ein relativ
breites Publikum gegeben hat. Wir mussten ja schon nach den ersten
Konzerten vom Schubert Saal in den größeren Mozart Saal wechseln. Eine
wichtige Etappe diesbezüglich war dann 1978 - '83, wie Landesmann
Generalsekretär des Konzerthauses war, der Zyklus „Wege in unsere Zeit“.
Ich hatte da das unendliche Glück, in fünf Jahren je sieben Konzerte zu
programmieren, also 35 Konzerte in Richtung auf Brücken in die Gegenwart
und habe da das ganze, so reiche Spektrum von 1900, oder sogar schon
vorher - von Wagners „Siegfried Idyll“ oder Wedekind-Liedern
angefangen, bis herauf zur damaligen Gegenwart programmieren können.
Dieses Unternehmen hat offensichtlich ein breites Publikum angesprochen,
eine große Neugierde erweckt und es gab dann für Neue Musik insgesamt in
Wien immer mehr Publikum, worum uns viele ehemalige Zentren für Neue
Musik in den '50 Jahren und '60 Jahren - etwa wie Köln, Stuttgart oder
Hamburg – beneideten. Boulez hat in einem Interview auf das
hervorragende Wiener Publikum aufmerksam gemacht, das so aufgeschlossen
ist für Neue Musik. Nun aber sind die Leute, die damals in die Neue
Musik hineingewachsen sind, inzwischen 60 oder 70, und es wäre ganz
notwendig für die jungen Leute wieder ein derartiges didaktisches
Unternehmen zu starten, damit der Abgrund, diese Kluft zwischen der
Tradition und der gegenwärtigen Produktion nicht in dieser Generation
wieder aufbricht.
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Gertraud Cerha:
Es
scheint im Moment sehr wahrscheinlich, dass er aufbricht.
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Friedrich Cerha:
Ja,
weil u.a. die ökonomischen Schwierigkeiten bei den Konzertunternehmen
zunehmend größer werden; - in einem Unternehmen, wo man ja bezüglich der
Abonnements auch Risken eingehen müsste. Das ist enorm bedauerlich. Und
mein dritter Wunsch wäre, dass Konzerte - auch traditioneller Musik -,
aber in besonderem Maß neuerer Musik von verständnisvollen,
verantwortungsbewussten und kenntnisreichen Rezensenten kommentiert
werden und die Zeitungen ihnen entsprechenden Raum gönnen. Ich erinnere
mich, wie die damalige IGNM - ich glaube das war 1956 -, in der Wohnung
von Friedrich Wildgans, der damals Generalsekretär der internationalen
Gesellschaft für Neue Musik war, Hans Kann und mich als Komponisten,
vorgestellt haben: da waren 60 oder 70 Leute im Publikum, aber am
nächsten Tag war in sieben Wiener Zeitungen eine ganze Spalte zu finden.
Heute werden eigentlich sehr repräsentative und wichtige Konzerte zum
Teil in den Zeitungen überhaupt nicht mehr kommentiert und wenn, dann
erfolgt nur ein Bericht, was stattgefunden hat. Den Salzburger
Festspielen ist noch mehr Raum gegönnt, den Bregenzer Festspielen schon
viel weniger, aber sehr repräsentative und wichtige Konzerte in Wien
sind oft kaum kritisiert.
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Gertraud Cerha:
Zur
Uraufführung des Violinkonzerts von Gerald Resch z.B. ist vorigen Herbst
eine einzige Kritik erschienen. Das war ein großes RSO Konzert in „Wien
Modern“, eine Uraufführung eines jungen österreichischen Komponisten. In
einer einzigen Zeitung gab es eine Rezension, und die war kurz.
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Rudolf Illavsky:
Du
hast jetzt auch angesprochen dass Du „Wege in unsere Zeit programmiert
hast“, und Du hast mit der „reihe“ jahrelang dramaturgisch gearbeitet.
Wenn Du jetzt ein Konzertintendant, oder Intendant eines Opernhauses
wärest, würdest Du dich der Strukturen bedienen die es gibt, oder was
wäre ein Wunsch, was würdest Du anders machen wollen?
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Friedrich Cerha:
Jeder didaktische Zug ist ja heute verpönt, man prangert sofort den
erhobenen Zeigefinger an, dabei wird übersehen, dass mit dem
programmieren von Konzerten, - ja mit der Art des Programmierens auf
jeden Fall jeweils Einfluss auf das Publikum genommen wird; das heißt:
jedes Konzertprogramm, das an ein Publikum herangetragen wird, ist in
gewisser Hinsicht ein erzieherischer Akt und das ist eine Einsicht, der
man sich heute gerne verschließt.
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Gertraud Cerha:
In
zwei Konzerten in letzter Zeit, eines mit der „reihe“, - ein
klassische-Moderne-Konzert mit Ravel, Hindemith, Milhaud und Strawinsky
- das ein enormer Publikumserfolg war und ein Konzert in deinem
Geburtstagszyklus mit dem Klangforum -, waren auf diese Weise
programmiert, und es waren nicht nur die fabelhaften Aufführungen,
sondern es war das Programm, das den Leuten so gut gefallen hat und sie
so begeistert hat, weil sie einfach einen Sinn in dem Ganzen gespürt
haben, einen Zusammenhang. Und in die Richtung müsste man wirklich
wieder verantwortungsvoll gehen, unbedingt.
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Rudolf Illavsky:
Eine Frage an Gertraud Cerha: Wenn dein Mann ein
Programm macht, hast Du da auch Einfluss darauf?
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Gertraud Cerha:
Ja.
Wir programmieren oft zusammen.
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Friedrich Cerha:
Wobei wir nicht immer einer Meinung sind, aber wir wägen dann die
Standpunkte gegeneinander ab, und so kommen die Programme zustande.
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Rudolf Illavsky:
Wo
siehst Du die größten Probleme des heutigen Dirigierhandwerks und wo ist
die Notwendigkeit einer Veränderung am dringendsten?
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Friedrich Cerha:
Ich
glaube der wesentlichste Bedarf liegt in der Ausbildung der
Dirigentenkandidaten. Es gibt zumeist eine leidliche Ausbildung in der
großflächigen interpretatorischen Darstellung und im schlagtechnischen
Handwerk, aber häufig ist die Fähigkeit zur analytischen Aufarbeitung
der Werke viel zu gering. Darauf wird, glaube ich, viel zu wenig Wert
gelegt. Und vielleicht noch etwas: Bei jungen Dirigenten, nicht nur bei
ganz jungen, vermisse ich gelegentlich auch die Kenntnis, wie es auf den
Instrumenten zum Klang kommt. Ich bin in meinem Kompositionsstudium,
weil ich das Gefühl hatte, ich weiß von den Instrumenten, der Technik,
ihren Schwierigkeiten und Möglichkeiten zu wenig, von einer Klasse in
die andere gegangen, und von einem Lehrer zum andern und hab gebeten ob
ich zuhören darf und viele Lehrer haben mich dann auch auf bestimmte
Dinge aufmerksam gemacht. So bin ich hineingewachsen in das Gefühl wie
man ein Instrument in der Hand hat und nun also einen Ton oder eine
Phrase produzieren soll; das Gefühl dafür scheint mir sehr wichtig und
das ist, finde ich, oft bei jungen Dirigenten nicht gegeben.
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Rudolf Illavsky:
Ich
kann mich noch erinnern wie du mir (am Kontrabass) einen Fingersatz
angeboten hast, als ich deine Chansons interpretierte. Dass hat mich
natürlich sehr gewundert, dass du auch dich so gut am Kontrabass
auskennst. Was für Instrumente hast Du denn eigentlich gelernt?
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Friedrich Cerha:
Ich
hab Geige gelernt und Klavier und hab dann sehr bald auch Bratsche
gespielt und ein bisschen Kontrabass und Klarinette. Und
zwar war das 1942. Ich hatte meine Schwierigkeiten mit der Hitlerjugend
wo man verpflichtet war diese Heimabende und dieses Exerzieren in der
Gruppe zu besuchen und das war mir in einem hohen Grad verhasst. Ich
hatte von meinem 6. oder 7. Jahr an einen tschechischen Geigenlehrer -
wie alle meine Geigenlehrer später Tschechen waren - der mich nicht nur
auf der Geige sehr gut unterrichtet hat. Er hat mir auch eine umfassende
Studienliteratur angeboten und er hat mich auch während des Kriegs auf
viele Dinge aufmerksam gemacht - auf politische Verhältnisse. Er war
Panslavist und hat mir, wie man das nicht bekam im Krieg, Tolstoi und
Dostojevski zu lesen gegeben. In der Hitlerjugend war ich konfrontiert
mit dem Slogan „Du bist nichts, dein Volk ist alles“ und das war genau
das, was ich nicht wollte, u.a. darüber bin ich zum fanatischen
Antifaschisten und Rebellen geworden. Und um dem H-Jot-Dienst zu
entgehen, konnte man sich - ich war übrigens in Ottakring an einer
Zweiganstalt des Konservatoriums der Stadt Wien - da hat’ ich meine
Mutter an der Hand genommen und bin dort hinauf gegangen, und hab gesagt
ich möchte Komposition, Harmonielehre und Kontrapunkt lernen. Da war ich
10 und bin auf einen sehr verständnisvollen Direktor gestoßen, der
selbst Komponist war, und hab dort einen ganz strengen, altmodischen
Kompositions- und Theorieunterricht erhalten mit einer Unzahl von
Aufgaben, wodurch sich also meine Noten im Gymnasium etwas
verschlechtert haben. Ja und da konnte man sich zu der so genannten
Rundfunkspielschar der Hitlerjugend melden. Das waren Instrumentalisten
aus ganz Wien, die da Sendungen gemacht haben, und ich hab dort Geige
gespielt. Es wurde aber der Wunsch an uns herangetragen, auch ein
Blasinstrument zu erlernen und ich hab also damals ein oder eineinhalb
Jahre Klarinette gelernt, (allerdings in einer Zweiganstalt des
Konservatoriums in Döbling, bei einem damaligen Symphoniker), hab’s aber
auf der Klarinette nicht weit gebracht.
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Illavsky:
Jetzt noch einmal zurück zum Dirigentenberuf. Was hältst Du vom heutigen
Reisedirigententum? Da gibt es die Dirigenten, die kaum eine Chance
haben, dem Orchester ein eigenes Interpretationskonzept und schon gar
nicht ein neues Werk nahe zu bringen. Die Macht der Gewohnheit, das
Korsett des Abo-Systems, die Kürze der Proben, verhindert oft die
Entwicklung neuer Interpretationsansätze und macht den normalen
Orchesterbetrieb zu einem Spielfeld unkreativer Wiederholungstäter.
Wenn wir uns den Theaterbereich ansehen, da wird oft monatelang für ein
Schauspiel gearbeitet. Gäbe es Alternativen auch im Musikbetrieb für so
etwas, dass man längere Zeit, längere Perioden schafft, um mit den
Musikern zu arbeiten?
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Gertraud Cerha:
Ja,
das ist wirklich ein großer Jammer. Ich meine, wie wir in der „reihe“
zum ersten Mal „Le Marteau sans Maître“ (P. Boulez), gespielt haben,
haben wir an die 40 Proben gemacht. Das ist heute absolut undenkbar;
obwohl alle reicher sind und es allen besser geht, geht das nicht mehr.
Und genau das System, das Du jetzt geschildert hast, hat diese
Möglichkeiten aufgeschluckt.
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Friedrich Cerha:
Ja,
aber ich meine es haben ja viele der bedeutendsten Orchester einen
Chefdirigenten, der sozusagen auch durch langjährige Arbeit einem
Orchester einen Charakter gibt, wie es Solti mit dem Chicago Symphony
Orchester getan hat, oder auch Concertgebouw oder Berliner
Philharmoniker oder Gewandhausorchester. Auch unser Wiener
Rundfunkorchester, hat ja unter Billy, denk ich, doch einen
erstaunlichen Aufschwung genommen, wobei er natürlich schon auf die
Arbeit seiner Vorgänger fußen konnte, u.a. Dennis Russell Davies. Und
auch das SWR Orchester hat unter Zender und Cambreling gewonnen.
Es
ist natürlich so, dass Chefdirigenten einerseits einen gewissen
verwaltungstechnischen Aufwand auf sich nehmen müssen, und andererseits
auch ein hohes Maß an Verantwortung. Es gibt Dirigenten, die eine
zeitlang Chefs von Orchestern werden und dann diese Belastung eigentlich
nicht mehr auf sich nehmen wollen. Und dann gibt es noch etwas anderes
in Bezug auf Chedirigenten: Zumeist oder oft sind sie ja auch
Wunschdirigenten des Orchesters und die positiven Seiten unterdrücken in
den ersten Jahren einer Arbeit die kleinen Wünsche von Seiten des
Orchesters die offen bleiben. An die positiven Seiten gewöhnt sich ein
Orchester bald, aber es kommen mit den Jahren die möglicherweise nicht
ganz erfüllten Wünsche wieder hervor und das ist auch der Grund, warum
die meisten Orchester nach einem gewissen Zeitraum ihre Chefdirigenten
wechseln.
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Rudolf Illavsky:
Was
war und ist dein dirigentisches ‚Credo’?
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Friedrich Cerha:
Die
Musik dem Komponierten adäquat zum Klingen zu bringen. Heute ist der
Begriff der Werktreue suspekt geworden, und ich bin ja nach wie vor
nicht der Meinung, dass die Musik zwischen den Noten steht, sondern in
den Noten und man muss sie nur herausholen; darauf kommt es an. Für die
Entstellungen und Verzerrungen, durch die manche Leute in allen
Bereichen der Kunst glauben, sich profilieren zu müssen, hab ich also
wenig Verständnis.
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Rudolf Illavsky:
Abschließend: Was würdest Du einem Studenten raten, der Dirigent
werden möchte?
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Friedrich Cerha:
Ein
gründliches Theoriestudium, ein strenges Harmonielehre- Kontrapunkt- und
sicherlich auch wenigstens einige Zeit ein Kompositionsstudium. Wie ich
12 Jahre, 13 Jahre alt war, hab ich zwei Mal in der Woche
Kompositionsunterricht gehabt, Dienstag und Freitag, und da hatte ich
z.B. 12 Menuette mit Trios zu schreiben.
Bei
Reger ist bekannt, dass er seinen Schülern solche Monsteraufgaben über
kurze Zeit gegeben hat, weil er der Meinung war, ein Komponist muss
lernen schnell zu arbeiten. Der Umgang mit dem Satz und auch zu erleben
wie etwas an Phantasie sich schriftlich realisiert, ist glaube ich ganz
wichtig für ein späteres Umsetzen eines Werkes in Praxis, in die
Realität. |
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Zuletzt bearbeitet am
19. Jänner 2009
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