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Programmtext zu diesem Konzert:
(Kurt Schwertsik & Friedrich Cerha)
Wer nicht von den Ereignissen überrollt
werden oder in selbstgewählter Isolierung darauf verzichten will, die Gestaltung
des Profils seiner Zeit zu beeinflussen, hat heute nicht mehr die Möglichkeit,
an der Tatsache vorbeizusehen, daß die bedeutendsten Vertreter einer jungen
Generation – vom Werke Weberns ausgehend – in den letzten zehn Jahren der
Musik handwerklich und ästhetisch neue Bereiche eröffnet haben. Ihre künstlerischen
und theoretischen Arbeiten beeinflussen heute deutlich spürbar das musikalische
Denken der schöpferisch tätigen Jugend vieler Nationen. Dies erfordert Stellungnahme
und Stellungnahme setzt Werkkenntnis voraus. Vereinzelte Aufführungen konnten
hier nicht den notwendigen Überblick vermitteln. Sie waren eher dazu angetan,
Mißverständnisse und Fehlmeinungen wie die Schlagworte von «total prädeterminierter
Musik», «serieller Musik», «Musik für Spezialisten» auszulösen, als Kenntnis
der eigentlichen Fragen und in vorurteilsfreier Atmosphäre Erlebnis zu vermitteln.
Musik ist Mitteilung. Der Aufnahme dieser
Mitteilung ist das Ungewöhnliche ihrer Sprache oft im Wege. Aufgabe der
Konzert-Reihe wird es sein, mit dem sprachlichen Idiom vertraut zu machen.
Es wird über neue Musik viel gesprochen und geschrieben. Hier soll sie gespielt
werden.
Henri Pousseur
(geb. 1929 in Malmédy, Belgien) studierte
in Lüttich und Brüssel.
Seine Hauptwerke:
Trois chants sacrés, Symphonies pour 15 instruments, Mobiles pour deux pianos,
elektronische Studien.
Das Quintett
entstand im Auftrag des Südwestfunks Baden-Baden
für die Donaueschinger Musiktage 1955. Pousseur schreibt über sein Werk:
«Die Reihe des Quartetts op. 22 von Webern – dessen instrumentale Besetzung
ihrerseits eine betonte Ähnlichkeit mit dem Quintett aufweist – bedingt
die gesamte Entfaltung des letzteren, und zwar nicht einmal so sehr im Hinblick
auf die Tonhöhen selber als vielmehr auf die chronometrische und in geringerem
Maße die polyphone Dichte.» Das Werk gliedert sich in vier Teile, deren
Dichte sich ungefähr auf das Schema 2–1–3–2 zurückführen läßt. «Es wird
sich indes zeigen, daß auch dieses Schema einigermaßen verwischt wird. Im
ersten und vierten Teil sind die verschiedenen metrischen Unterteilungen
sehr unregelmäßig angeordnet. So ist es möglich, Struktursequenzen von äußerst
unterschiedlichem Charakter in Juxtaposition, ja in Superposition zu bringen.
Demgegenüber ist in den beiden Mittelteilen die Dichteordnung viel gerichteter.
Ohne daß von strengen Progressionen die Rede sein könnte (sie enthalten
Verzögerungen, Haltepunkte, Rückläufe und plötzliche Sprünge), bleibt doch
festzuhalten, daß die langsamsten Metren dieser beiden Teile zu Anfang des
zweiten und am Schluß des dritten stehen, während ihr Treffpunkt (das Zentrum
des Stückes) die gehäuftesten Unterteilungen und größten Dichten bietet,
was ihn denn auch recht einwandfrei als Höhepunkt auszeichnet.»
Das Quartett op. 22 von Anton Webern
(1883 – 1945) zeigt den Spätstil
des Komponisten. Mit unerhörter Klarheit verfolgt er seine Absicht und beschränkt
die Sprache auf notwendigste Elemente. Durch geringe Veränderungen des Keimes
vermag er wunderbare Gestalten zu bilden. Ihre Vielfalt überrascht den Hörer,
dennoch verläßt ihn niemals das Gefühl des Zusammenhangs. Gespannter Ausdruck
und drahtige elastische Konstruktion sind untrennbar zur Synthese gebracht.
Pierre Boulez
(geb. 1925 in Paris) studierte bei Leibowitz
und Messiaen; er veranstaltet als musikalischer Leiter am Theâtre Marigny
in Paris unter dem Titel «Domaine musicale» Konzerte neuer Musik. Seine
Hauptwerke: Structures, Polyphonie X, Le Marteau sans maître, 3 Klaviersonaten,
Flötensonatine, Poesie pour pouvoir.Die beiden in letzter Zeit entstandenen
Improvisations sur Mallarmé (eine dritte ist noch in Arbeit) sind von «totaler
Prädetermination» und «Automatismus» weit entfernt. Der auf Erfahrung gegründeten
Entscheidung des Komponisten kommt in jedem Augenblick hohe Bedeutung zu.
In den festgefügten Organismus abendländischer Prägung wird schrittweise
die «Chance des orientalischen Werks» hereingenommen. In der ersten Improvisation
ist sie beschränkt auf die Arbeitsweise des Komponisten, der in einem «weitmaschigen
Netz» von strukturellen Gegebenheiten zu Entscheidungen genötigt wird, in
der zweiten werden darüber hinaus dem Interpreten Freiheiten gelassen, wobei
das Zufällige aber immer in die Struktur einbezogen bleibt. Singstimme und
Instrumente halten auf Strecken hin die gleichen Tonhöhen fest. Durch das
Einschieben einer variablen Anzahl kleiner Noten zwischen fixierte Notenwerte
wird der Eindruck nicht homogener Zeit hervorgerufen.
Das letzte Kriterium alles musikalischen
Denkens ist für uns heute die Wahrnehmung, das Erlebnis der klingenden Struktur.
Henri Pousseur
Man darf eine Revolution nicht nur konstruieren,
man muß sie auch träumen.
Pierre Boulez
Komponieren heißt, von einer Lösung zur
andern – innerhalb gewisser Netze von Wahrscheinlichkeiten – zu Refus, zu
Entscheidungen genötigt zu werden.
Pierre Boulez
Der Glaube an die alleinseligmachende
Technik müßte unterdrückt, das Bestreben nach Wahrhaftigkeit gefördert werden.
Arnold Schönberg
Improvisation sur Mallarmé I
Le vierge, le vivace et le bel aujourd’hui
Le vierge, le vivace et le bel aujourd’hui
Va-t-il nous déchirer avec un coup d’aile ivre
Ce lac dur oblié que hante sous legivre
Le transparent glacier des vols qui n’ont pas fui!
Un cygne d’autrefois se souvient que c’est lui
Magnifique mais qui sans espoir se délivre
Pour n’avoir pas chanté la région où vivre
Quand du stérile hiver a resplendi l’ennui.
Tout son col seconuera cette blanche agonie
Par l’espace infligée a l’oiseau qui le nie
Mais non l’horreur du sol où le plumage est pris.
Fantôme qu’a ce lieu son pur éclat assigne
Il s’immobilise au songe froid de mépris
Que vêt parmi l’exil inutile le cygne.
Der jungfräuliche, der lebendig schöne Tag
Der jungfräuliche, der lebendig schöne Tag,
Wird er mit mildem Wehn und Trunkenheit der Schwingen
Aus dem erstarrten See die Flüge wiederbringen,
Der klaren Gletscher nicht erblühten Flügelschlag?
Der stolze Schwan erliegt, der so gedenken mag
Der Herrlichkeit von einst, im hoffnungslosen Ringen,
Der nicht verstand, das Land des Lebens zu besingen,
Als unfruchtbarer Glanz des Winters auf ihm lag.
Des Vogels Hals verdreht sich schrill im weißen Krampfe,
Es bricht der Raum herein in seinem Todeskampfe,
Nicht mehr der Erde Schmach, die sein Gefieder hält.
Gespenstisch packt ihn wild der Taumel seines Wahnes,
Im kalten Traume der Verachtung dieser Welt
Erstarrt er fremd hinauf ins Sternenbild des Schwanes.
Improvisation sur Mallarmé II
Une dentelle s’abolit
Une dentelle s’abolit
Dans le doute du Jeu suprême
A n’en trouvrir comme un blasphème
Qu’absence éternelle de lit.
Cet unanime blanc conflit
D’une guirlande avec la même
Enfui contre la vitre blême
Flotte plus qu’il n’en sevelit.
Mais, chez qui durêve sedore
Tristement dort une mendore
Au creux néant musicien.
Telle que vers quelque fenêtre
Selon nul ventre que le sien
Filial on aurait pu naitre.
Stéphane Mallarmé (1842 – 1898)
Ein Vorhang öffnet
zweifelnd sich
Ein Vorhang öffnet zweifelnd sich,
Das höchste Spiel zu offenbaren,
Um statt des Bettes zu gewahren
Nur ewge Leere lästerlich.
Das Rankenwerk, um Stich für Stich
Dem weißen Muster zu willfahren,
Bauscht sich zum Fenster hin, dem klaren,
Das von der Gruft ins Freie wich.
Wer solchen goldnen Traum erschaute,
Bei dem schläft traurig eine Laute,
Ein Innen aus Musik allein.
Als brauche man, zum Licht zu schweben,
Nur ihrem Schoß entsprossen sein.
Als ihres Leibes Frucht zu leben.
(Deutsch: Carl Fischer)
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