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Konzert am 22. März 1959
Wiener Konzerthaus, Schubertsaal


in Zusammenarbeit mit der Wiener Konzerthausgesellschaft,
der IGNM und der
Musikalischen Jugend Österreichs

Maria Therese Escribano - Sopran
Kurt Schwertsik, Friedrich Cerha - Dirigenten
Friedrich Cerha - Violine
Werner Resel - Violoncello
Rolf Eichler - Klarinette
Josef Plichta - Bassklarinette
Adolf Schöbinger - Tenorsaxophon
Ivan Eröd - Klavier
Hubert Jelinek - Harfe
Kurt Schwertsik - Celesta
Karl Wirtherle, Peter Greenham, Wolfgang Schuster, Roland Altmann, Gerhard Kramer - Schlagzeug

Henri Pousseur (*1929) - Quintette à la mémoire d'Anton Webern (1955) für Klarinette, Baßklarinette, Violine, Violoncello und Klavier

Anton Webern (1883 - 1945) - Quartett op. 22 für Violine, Klarinette, Tenorsaxophon und Klavier (1928-30)

Pierre Boulez (*1925) - Improvisation sur Mallarmé I & II für Sopran und Orchester (1957)

 

Programmtext zu diesem Konzert:
(Kurt Schwertsik & Friedrich Cerha)

 

Wer nicht von den Ereignissen überrollt werden oder in selbstgewählter Isolierung darauf verzichten will, die Gestaltung des Profils seiner Zeit zu beeinflussen, hat heute nicht mehr die Möglichkeit, an der Tatsache vorbeizusehen, daß die bedeutendsten Vertreter einer jungen Generation – vom Werke Weberns ausgehend – in den letzten zehn Jahren der Musik handwerklich und ästhetisch neue Bereiche eröffnet haben. Ihre künstlerischen und theoretischen Arbeiten beeinflussen heute deutlich spürbar das musikalische Denken der schöpferisch tätigen Jugend vieler Nationen. Dies erfordert Stellungnahme und Stellungnahme setzt Werkkenntnis voraus. Vereinzelte Aufführungen konnten hier nicht den notwendigen Überblick vermitteln. Sie waren eher dazu angetan, Mißverständnisse und Fehlmeinungen wie die Schlagworte von «total prädeterminierter Musik», «serieller Musik», «Musik für Spezialisten» auszulösen, als Kenntnis der eigentlichen Fragen und in vorurteilsfreier Atmosphäre Erlebnis zu vermitteln.

Musik ist Mitteilung. Der Aufnahme dieser Mitteilung ist das Ungewöhnliche ihrer Sprache oft im Wege. Aufgabe der Konzert-Reihe wird es sein, mit dem sprachlichen Idiom vertraut zu machen. Es wird über neue Musik viel gesprochen und geschrieben. Hier soll sie gespielt werden.

 

Henri Pousseur (geb. 1929 in Malmédy, Belgien) studierte in Lüttich und Brüssel. Seine Hauptwerke: Trois chants sacrés, Symphonies pour 15 instruments, Mobiles pour deux pianos, elektronische Studien.

 

Das Quintett entstand im Auftrag des Südwestfunks Baden-Baden für die Donaueschinger Musiktage 1955. Pousseur schreibt über sein Werk: «Die Reihe des Quartetts op. 22 von Webern – dessen instrumentale Besetzung ihrerseits eine betonte Ähnlichkeit mit dem Quintett aufweist – bedingt die gesamte Entfaltung des letzteren, und zwar nicht einmal so sehr im Hinblick auf die Tonhöhen selber als vielmehr auf die chronometrische und in geringerem Maße die polyphone Dichte.» Das Werk gliedert sich in vier Teile, deren Dichte sich ungefähr auf das Schema 2–1–3–2 zurückführen läßt. «Es wird sich indes zeigen, daß auch dieses Schema einigermaßen verwischt wird. Im ersten und vierten Teil sind die verschiedenen metrischen Unterteilungen sehr unregelmäßig angeordnet. So ist es möglich, Struktursequenzen von äußerst unterschiedlichem Charakter in Juxtaposition, ja in Superposition zu bringen. Demgegenüber ist in den beiden Mittelteilen die Dichteordnung viel gerichteter. Ohne daß von strengen Progressionen die Rede sein könnte (sie enthalten Verzögerungen, Haltepunkte, Rückläufe und plötzliche Sprünge), bleibt doch festzuhalten, daß die langsamsten Metren dieser beiden Teile zu Anfang des zweiten und am Schluß des dritten stehen, während ihr Treffpunkt (das Zentrum des Stückes) die gehäuftesten Unterteilungen und größten Dichten bietet, was ihn denn auch recht einwandfrei als Höhepunkt auszeichnet.»

 

Das Quartett op. 22 von Anton Webern (1883 – 1945) zeigt den Spätstil des Komponisten. Mit unerhörter Klarheit verfolgt er seine Absicht und beschränkt die Sprache auf notwendigste Elemente. Durch geringe Veränderungen des Keimes vermag er wunderbare Gestalten zu bilden. Ihre Vielfalt überrascht den Hörer, dennoch verläßt ihn niemals das Gefühl des Zusammenhangs. Gespannter Ausdruck und drahtige elastische Konstruktion sind untrennbar zur Synthese gebracht.

 

Pierre Boulez (geb. 1925 in Paris) studierte bei Leibowitz und Messiaen; er veranstaltet als musikalischer Leiter am Theâtre Marigny in Paris unter dem Titel «Domaine musicale» Konzerte neuer Musik. Seine Hauptwerke: Structures, Polyphonie X, Le Marteau sans maître, 3 Klaviersonaten, Flötensonatine, Poesie pour pouvoir.Die beiden in letzter Zeit entstandenen Improvisations sur Mallarmé (eine dritte ist noch in Arbeit) sind von «totaler Prädetermination» und «Automatismus» weit entfernt. Der auf Erfahrung gegründeten Entscheidung des Komponisten kommt in jedem Augenblick hohe Bedeutung zu. In den festgefügten Organismus abendländischer Prägung wird schrittweise die «Chance des orientalischen Werks» hereingenommen. In der ersten Improvisation ist sie beschränkt auf die Arbeitsweise des Komponisten, der in einem «weitmaschigen Netz» von strukturellen Gegebenheiten zu Entscheidungen genötigt wird, in der zweiten werden darüber hinaus dem Interpreten Freiheiten gelassen, wobei das Zufällige aber immer in die Struktur einbezogen bleibt. Singstimme und Instrumente halten auf Strecken hin die gleichen Tonhöhen fest. Durch das Einschieben einer variablen Anzahl kleiner Noten zwischen fixierte Notenwerte wird der Eindruck nicht homogener Zeit hervorgerufen.

 

Das letzte Kriterium alles musikalischen Denkens ist für uns heute die Wahrnehmung, das Erlebnis der klingenden Struktur.

Henri Pousseur

 

Man darf eine Revolution nicht nur konstruieren, man muß sie auch träumen.

Pierre Boulez

 

Komponieren heißt, von einer Lösung zur andern – innerhalb gewisser Netze von Wahrscheinlichkeiten – zu Refus, zu Entscheidungen genötigt zu werden.

Pierre Boulez

 

Der Glaube an die alleinseligmachende Technik müßte unterdrückt, das Bestreben nach Wahrhaftigkeit gefördert werden.

Arnold Schönberg

 

Improvisation sur Mallarmé I

Le vierge, le vivace et le bel aujourd’hui
Le vierge, le vivace et le bel aujourd’hui
Va-t-il nous déchirer avec un coup d’aile ivre
Ce lac dur oblié que hante sous legivre
Le transparent glacier des vols qui n’ont pas fui!
Un cygne d’autrefois se souvient que c’est lui
Magnifique mais qui sans espoir se délivre
Pour n’avoir pas chanté la région où vivre
Quand du stérile hiver a resplendi l’ennui.
Tout son col seconuera cette blanche agonie
Par l’espace infligée a l’oiseau qui le nie
Mais non l’horreur du sol où le plumage est pris.
Fantôme qu’a ce lieu son pur éclat assigne
Il s’immobilise au songe froid de mépris
Que vêt parmi l’exil inutile le cygne.

 

Der jungfräuliche, der lebendig schöne Tag
Der jungfräuliche, der lebendig schöne Tag,
Wird er mit mildem Wehn und Trunkenheit der Schwingen
Aus dem erstarrten See die Flüge wiederbringen,
Der klaren Gletscher nicht erblühten Flügelschlag?
Der stolze Schwan erliegt, der so gedenken mag
Der Herrlichkeit von einst, im hoffnungslosen Ringen,
Der nicht verstand, das Land des Lebens zu besingen,
Als unfruchtbarer Glanz des Winters auf ihm lag.
Des Vogels Hals verdreht sich schrill im weißen Krampfe,
Es bricht der Raum herein in seinem Todeskampfe,
Nicht mehr der Erde Schmach, die sein Gefieder hält.
Gespenstisch packt ihn wild der Taumel seines Wahnes,
Im kalten Traume der Verachtung dieser Welt
Erstarrt er fremd hinauf ins Sternenbild des Schwanes.
 

Improvisation sur Mallarmé II

Une dentelle s’abolit
Une dentelle s’abolit
Dans le doute du Jeu suprême
A n’en trouvrir comme un blasphème
Qu’absence éternelle de lit.
Cet unanime blanc conflit
D’une guirlande avec la même
Enfui contre la vitre blême
Flotte plus qu’il n’en sevelit.
Mais, chez qui durêve sedore
Tristement dort une mendore
Au creux néant musicien.
Telle que vers quelque fenêtre
Selon nul ventre que le sien
Filial on aurait pu naitre.
Stéphane Mallarmé (1842 – 1898)

 

Ein Vorhang öffnet zweifelnd sich
Ein Vorhang öffnet zweifelnd sich,
Das höchste Spiel zu offenbaren,
Um statt des Bettes zu gewahren
Nur ewge Leere lästerlich.
Das Rankenwerk, um Stich für Stich
Dem weißen Muster zu willfahren,
Bauscht sich zum Fenster hin, dem klaren,
Das von der Gruft ins Freie wich.
Wer solchen goldnen Traum erschaute,
Bei dem schläft traurig eine Laute,
Ein Innen aus Musik allein.
Als brauche man, zum Licht zu schweben,
Nur ihrem Schoß entsprossen sein.
Als ihres Leibes Frucht zu leben.

(Deutsch: Carl Fischer)

Kritiken


Konzert am 12. Mai 1959
Wiener Konzerthaus, Schubertsaal


in Zusammenarbeit mit der Wiener Konzerthausgesellschaft,
der IGNM und der
Musikalischen Jugend Österreichs

Ivan Eröd - Klavier
Kurt Schwertsik, Friedrich Cerha - Dirigenten
Friedrich Cerha, Hatto Beyerle - Violine
Winifred Durie - Viola
Werner Resel - Violoncello
Hermann Dechant - Flöte
Rolf Eichler - Klarinette
Josef Plichta - Bassklarinette
Adolf Schöbinger - Altsaxophon
Kurt Schwertsik - Horn
Peter Greenham, Hans Radbauer, Gerhard Kramer - Schlagzeug

LUIGI NONO - Polifonia - Monodia - Ritmica
LUCIANO BERIO - Quartetto Per Archi UA; Cinque Variazioni Per Pianoforte
BRUNO MADERNA - Quartetto Per Archi


Konzert am 19. November 1959
Wiener Konzerthaus


in Zusammenarbeit mit der Wiener Konzerthausgesellschaft,
der IGNM und der

Musikalischen Jugend Österreichs

 

Kurt Schwertsik, Friedrich Cerha - Dirigenten
Friedrich Cerha´- Violine
Fritz Hiller - Violoncello
David Tudor, Cornelius Cardew
- Klavier
Edith Urbanczyk - Singstimme

JOHN CAGE
- Klavierkonzert

KURT SCHWERTSIK - Klavierstück

MORTON FELDMAN - Extensions I

SYLVANO BUSSOTTI - Klavierstücke 3 und 5 (for DAVID TUDOR)

EARLE BROWN - Cellomusic

CORNELIUS CARDEW- Two Books of Study for Pianists

CHRISTIAN WOLFF- Music for Merce Cunningham

 

Fotos des "Skandalkonzertes"


 

 

 

 

 

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Zuletzt bearbeitet am 01. März 2007